Rainer Tiemann
Schrieb diverse Bücher mit Kurzgeschichten und Gedichten, die auch in Anthologien und im Feuilleton von Zeitungen erscheinen. Die Themen des Kommunikationswirts sind Ereignissen des täglichen Lebens
Eisherbst
Entblättert Bäume nun und Strauch,
verfroren Gras und Erde.
Des Herbstes todeskalter Hauch
will, dass gestorben werde.
Verschlafen Bach und Ströme fließen
durch Wiese und durch Heide.
Kein frühlingshaftes Sichergießen,
kein Grund zu Lust und Freude.
Todesgesang von Wald und Flur,
schwarz-grau die Silhouetten
der Lebenszeugen der Natur
im Land und auch in Städten.
Kein Vogellaut zu hören ist
in dieser Geisterstille,
nur grau in grau und trist in trist.
Hier herrscht ein höherer Wille.
Der Herbst ist da, drohend und kalt,
der Winter kommen will.
All Leben schweigt und machet halt -
und er, der Mensch, wird still.
Bombays zwei Gesichter
Wenn du in Bombay bist gewesen -
geschäftlich nur in dieser Stadt -
bemerkst du kaum die armen Wesen,
die der Moloch in Fülle hat.
Dich führt man ein in eine Welt,
in der die wirklich Reichen leben,
bestaunst Kultur, Bildung und Geld,
nach denen doch so viele streben.
Doch diese Stadt hat zwei Gesichter,
siehst du sie dir genauer an.
Der eine Teil ist voller Lichter,
der andre Teil ist ärmlich dran.
In weißen Villen teure Feste.
Man feiert tief bis in die Nacht.
In kargen Hütten - Essensreste
aus Müll sind auf den Tisch gebracht.
Hier schlafen sie in edlen Betten,
am Reichtum kommst du nicht vorbei.
Dort langt es kaum, sich zu bedecken,
wenn Wellpappe geht dann entzwei.
Doch dann zurück in deinem Land
vergisst schnell Elend du und Dreck
des Teils, wo jede Hoffnung schwand.
Wer „busy“ ist, steckt alles weg.
Auch hier hilft nur ein stetig Mühen,
dass Menschen niemals abgehängt.
Sonst wird uns keine Zukunft blühen,
wenn Armut offen wird verdrängt!
Texte © Copyright Rainer Tiemann